Landschaftsverband Rheinland - Qualität für Menschen

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LVR-LandesMuseum Bonn

Colmantstr. 14-16
53115 Bonn
Tel.: +49 (0) 228 / 2070 - 0
Fax: +49 (0) 228 / 2070 - 299
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Öffnungszeiten 
Di.-Fr., So. 11.00 - 18.00 Uhr
Sa. 13.00 - 18.00 Uhr
Mo. geschlossen,

Gruppenführungen für Schulklassen ab 10:00 Uhr möglich


Eintritt:

Erwachsene 8 Euro, ermäßigt 6 Euro.
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt.

Kartenvorverkauf bei
bonnticket.de

 

Öffnungszeiten Bibliothek:

Mo. - Fr.: 8.00 - 16.00 Uhr


 

Der Neandertaler

Das Neandertal 1843 vor dem Kalkabbau. Es ist ein Tal mit steilen Schluchten. Im Vordergrund klettern zwei Männer über einen Felsen. Der weiße Pfeil markiert die Stelle der Kleinen Feldhofer Grotte, des Fundorts des Neandertalers.Das Neandertal, 18431856 wurde der zurecht als das bekannteste menschliche Fossil bezeichnete Neandertaler bei Steinbrucharbeiten im Neandertal bei Düsseldorf entdeckt. Es waren jene berühmten 16 Knochen, die weltweit als die ersten fossilen Skelettreste einer ausgestorbenen Menschenform erkannt wurden. Sie lösten damit eine international kontrovers geführte Diskussion aus und standen zugleich am Beginn der unaufhaltsamen Erforschung der Menschwerdung.
Die 42000 Jahre alten Knochen werden von einem international besetztem Forscherteam unter der Leitung von Ralf. W. Schmitz mit Hilfe neuester Methoden untersucht. In einer dichten Folge werden hier z.T. einzigartige Erkenntnisse gewonnen.

Forschungsprojekte „Neandertaler" und „Neandertal"

Ab etwa 1840 kam es zu einer Zerstörung der Naturschönheit des Neandertals durch den industriellen Abbau des Kalkfelses. Im August 1856 entfernten zwei Arbeiter den als Abfall geltenden Lehm aus der „Kleinen Feldhofer Grotte". Dabei stießen sie auf Knochen, die man achtlos in das Tal hinunterwarf. Der Steinbruchbesitzer Wilhelm Beckershoff befahl jedoch, die Fundstücke wieder einzusammeln. Er nahm an, dass es sich um einen Höhlenbären handelt. Neben dem Schädeldach sind 1856 nur 15 Knochen gerettet worden. Die 16 Knochen des Neandertalers von 1856 sind eng zusammengelegt; oben befindet sich die Kalotte.Die 16 Knochen des Neandertalers von 1856Wenige Wochen später identifizierte der Elberfelder Lehrer und Naturforscher Johann Carl Fuhlrott das Skelett als menschlich. Die Abweichungen vom Knochenbau heutiger Menschen waren für ihn Beleg, dass die Entdeckung einer urtümlichen Menschenform mit hohem Alter angehört hatte.

Vor dem Hintergrund der durch Charles Darwin publizierten Evolutionstheorie entflammte die Entdeckung des Neandertalers die Kontroverse um die Existenz des fossilen Menschen in nie zuvor da gewesener Heftigkeit. Neben der Ansprache als urtümlicher Mensch durch Fuhlrott und den Bonner Anatomen Hermann Schaaffhausen gab es eine Reihe anderer, teils abenteuerlicher Interpretationen. Diese reichen von einem „geistig minderbemittelten Menschen" über einen „Kelten" bis hin zu einem „Kosaken, der in der Höhle Schutz vor den Truppen Napoleons gesucht hatte". Die wissenschaftlich solideste Gegenmeinung war die des berühmten Berliner Mediziners Rudolf Virchow, der die Abweichungen des Knochenbaus vom heutigen Menschen als krankhaft diagnostizierte. Ein wesentlicher Hinderungsgrund für die Anerkennung der Theorie eines fossilen Menschen ist in der Fundgeschichte des Neandertalers zu sehen: das Fehlen von geologischen Profilen oder Begleitfunden machte es unmöglich, den Fund der Eiszeit zuzuordnen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Anerkennung des Fundes schneller erfolgt wäre, hätte man damals auch zusammen mit diesem Steingeräte oder Knochen eiszeitlicher Tiere entdeckt.
1864 erhielt der Fund aus dem Neandertal seinen wissenschaftlichen Namen: Homo neanderthalensis. Im Jahr 1877 bewahrte die Vorläuferinstitution des Rheinischen LandesMuseums in Bonn den Neandertaler vor einem Verkauf in das Ausland. Heute ist das gesamte Originalskelett im Rheinischen LandesMuseum Bonn ausgestellt.
Seit 1991 wird der namengebende Neandertaler im Rahmen eines durch Ralf W. Schmitz (Universität Tübingen / Rheinisches LandesMuseum Bonn) geleiteten Forschungsprojektes mittels moderner Verfahren umfassend neu untersucht. Während das Skelett im 19. Jh. Weltruhm erlangte, versank das Neandertal im Schutt der immer weiter wachsenden Steinbrüche. Der industrielle Kalkabbau im Neandertal hat um 1900 das Tal bereits weitgehend zerstört. Im Vordergrund fährt eine Lokomotive mit mehreren Wagons auf einem Schienenweg.Industrieller Kalkabbau im Neandertal, um 1900Bereits um 1900 war die Position der zerstörten Fundstelle und damit der 1856 aus der Höhle geschaufelten Sedimente nicht mehr bekannt. 1997 jedoch gelang es Schmitz und seinem Kollegen Jürgen Thissen nach langwierigen Recherchen im Rahmen einer Grabung der Rheinischen Bodendenkmalpflege, die Sedimente aus der Kleinen Feldhofer Grotte und der benachbarten Höhle „Feldhofer Kirche" wiederzuentdecken. Eine weitere Grabungskampagne erfolgte im Jahr 2000.


Das Foto ist von oben gemacht worden. Zwei Wissenschaftler sind in gebückter Haltung dabei, Erde und Gestein zu untersuchen. Um sie herum ein paar Plastikeimer und halb gefüllte Plastiktüten.Grabung im NeandertalAls äußerst schwierig erwies sich zunächst die Zuordnung der Funde zu den beiden Sedimenthaufen. Die Anwendung eines dreidimensionalen geologischen Programms durch Susanne C. Feine, Universität Tübingen, ermöglichte die kaum für möglich gehaltene Trennung der Sedimentkegel aus den beiden Höhlen und die Zuweisung typischer Fundstücke. Es zeigte sich, dass aus der Feldhofer Kirche Werkzeuge des Cro-Magnon-Menschen mit einem Alter von rund 20 000 Jahren vorliegen. Diese sind dem Gravettien zuzuordnen, einer im Rheinland bisher nur spärlich belegten Kulturgruppe. Charakteristisch sind kleine Feuersteineinsätze, die Speerspitzen zu effektiveren Waffen werden ließen.

Die Artefakte des modernen Menschen stammen aus der jüngeren Altsteinzeit (Gravettien). Es sind unterschiedlich große, längliche, schmale Klingen aus Stein.Artefakte des modernen Menschen aus der jüngeren Altsteinzeit (Gravettien)

Diese durch S. Feine im Rahmen ihrer Magisterarbeit untersuchten Fundstücke belegen zusammen mit Geschossspitzen aus Knochen, Geweih und Elfenbein, dass die Menschen zu dieser Zeit auf der Jagd Rast im Neandertal machten.
Werkzeuge und Knochenreste der Neandertaler stammen hingegen aus der ebenfalls zerstörten Kleinen Feldhofer Grotte. Die im Kontext mit der Tübinger Magisterarbeit von K. Felix Hillgruber untersuchten Geräte sind vor etwa 42 000 Jahren von späten Neandertalern hergestellt worden. Neben typischen Messer- und Schaberformen ist eine starke Häufung kleiner Rundkratzer zu vermerken. Zu den bedeutendsten Funden zählen etwa 70 menschliche Knochenfragmente.

Drei Faustkeile und fünf kleine bearbeitete runde SteineArtefakte des Neandertalers

Drei dieser Stücke lassen sich direkt an den originalen Neandertaler von 1856 ansetzen, zahlreiche weitere gehören aufgrund ihrer Robustheit mit hoher Wahrscheinlichkeit zu diesem Menschen. Einige doppelte Skelettteile belegen die Existenz eines zweiten, zuvor unbekannten Neandertalers an der Fundstelle, dessen Entdeckungsjahr mit 1997 zu vermerken ist. Das Bild wird abgerundet durch einen natürlich ausgefallenen Milch-Backenzahn eines Neandertaler-Kindes. An der Untersuchung des Neandertalers und der neuen Funde sind derzeit 26 internationale Wissenschaftler aus 19 Instituten beteiligt. Das Projekt finanziert sich einerseits aus den Budgets der beteiligten Institute, andererseits aus Drittmitteln, die der Universität

Zu dem Kniegelenk, das 1856 gefunden worden war, fand man bei der jüngsten Grabung ein kleines dreieckiges Knochenstück. Es konnte genau an das Kniegelenk angepasst werden.Kniegelenk des Neandertalers mit anpassendem Stück

Tübingen vom Land Nordrhein-Westfalen zur Verfügung gestellt wurden. Wissenschaftliche Ziele sind unter anderem die Bestimmung des Lebensalters sowie von Krankheiten und Verletzungen, weiterhin die Untersuchung geheimnisvoller, vielleicht mit Totenriten der Neandertaler in Verbindung stehender Schnittspuren auf den Menschenknochen. Von Bedeutung ist auch die Radiocarbon-Datierung auf rund 42 000 Jahre, womit die Neandertal-Funde zu den jüngsten Spuren der Neandertaler in Mitteleuropa zählen, und die Untersuchungen der Ernährung über die Mengenverhältnisse stabiler Isotope von

Zu der Kalotte, die 1856 gefunden worden war, fand man bei der jüngsten Grabung ein Jochbein. Es konnte genau an die Kalotte angepasst werden.Schädeldach (Kalotte) mit anpassendem Jochbein

Kohlenstoff und Stickstoff. Bisher aufsehenerregendstes Resultat waren jedoch die weltweit ersten Analysen an mitochondrialer DNA eines Neandertalers im Zeitraum von 1996 bis 1999, die den Neandertaler eher als europäische Nebenlinie denn als direkten Vorfahren des heutigen Menschen ausweisen. Die Analysen am neuentdeckten zweiten Neandertaler aus dem Neandertal vermochten inzwischen das erste Ergebnis ebenso zu bestätigen wie die Arbeiten anderer Teams an einem weiteren Dutzend dieser europäischen Ureinwohner.
Wesentliche Ergebnisse des Forschungsprojektes Neandertal sind bereits im Rahmen der neu erschienenen englischsprachigen Jubiläumsmonographie und in populären Veröffentlichungen vorgelegt worden, doch sind die Forschungen am „alten" Neandertaler und den neuen Entdeckungen noch lange nicht beendet. Einige Arbeiten konnten zwar begonnen, aber durch verschiedene Umstände nicht vor dem Jubiläum abgeschlossen werden. Hierzu zählen z. B. Datierungen an Geräten aus Knochen, Geweih und Elfenbein, Spezialuntersuchungen der Neandertaler-Zähne, die Untersuchung von Schnittspuren auf den menschlichen Skelettresten und Scans mit dem Mikro-Computertomographen, der feinste Strukturen der Knochen abbildet. Weiterhin eröffneten sich durch bahnbrechende wissenschaftliche Entwicklungen erst jüngst völlig neue, faszinierende Ansatzpunkte. Hierzu zählt insbesondere die Möglichkeit von Analysen der DNA des Zellkernes am Fund von 1856. Mit dem Start des „Neanderthal Genome Project" im Jubiläumsjahr der Entdeckung im Neandertal übernimmt jener Fund, der letztlich das Weltbild des 19. Jahrhunderts zum Einsturz brachte, zum wiederholten Male die Rolle des wissenschaftlichen Vorreiters. Wer vermag zu erahnen, über welche Ergebnisse man beim Jubiläum anno 2056 berichten wird?

Literatur:


Titelbilder von vier Publikationen Titelbilder von vier Publikationen Titelbilder von vier Publikationen Titelbilder von vier PublikationenTitelbild des Buchs Der Neandertaler, der Monographie zum Neandertaler-Jubiläum 2006, Titelbild der wissenschaftlichen Publikation Neanderthal 1856-2006, Titelbild des Buchs Neandertal – Die Geschichte geht weiter und Titelbild des Katalogs zur Ausstellung 2006 des Rheinischen LandesMuseums Bonn: Roots /Wurzeln der Menschheit

 

 

 

 

 

 

 

Bolus, M. & Schmitz, R. W. 2006: Der Neandertaler.- Thorbecke-Verlag, Ostfildern.

Schmitz, R. W. 2006 (ed.): Neanderthal 1856-2006.- Rheinische Ausgrabungen 58.- Zabern-Verlag, Mainz.

Schmitz, R. W. & Thissen, J. 2000: Neandertal – die Geschichte geht weiter.- Spektrum-Verlag, Heidelberg.

Uelsberg, G. (Hrsg.): Roots // Wurzeln der Menschheit. Begleitbuch zur Jubiläumsausstellung.- Zabern-Verlag, Mainz.

Kontakt: ralf-w.schmitz@lvr.de