Der Neandertaler - weitere Informationen
Spuren eines harten Lebens
Der Neandertaler ist durch den Göttinger Pathologen Michael Schultz mit Mikroskop, Endoskop und Röntgentechnik auf Mangelerscheinungen, Krankheiten und Verletzungen untersucht worden.
Die Analysen zeigen, dass der Neandertaler an einer schweren Krankheit litt, die nie zuvor an einem Neandertaler festgestellt werden konnte. Dies war ein metastatischer knochenfressender Prozesses noch unbekannter Ursache. Der Bruch des linken Armes und die bleibende Behinderung konnte ebenfalls neu diagnostiziert werden. Art, Spektrum und Schwere der Erkrankungen und der teilweise Heilungsprozess legen nahe, dass dieser Mann von den Mitgliedern seiner Gruppe erheblich unterstützt wurde. Weil sein Sterbealter auf rund 40-42 Jahre bestimmt wurde, muss ihn seine Gruppe über viele Jahre versorgt und die Behinderung kompensiert haben. Somit beleuchtet der Mann aus der Kleinen Feldhofer Grotte, gemeinsam mit einigen anderen Neandertalern, das ansonsten weitgehend im Dunkeln liegende Sozialsystem der Neandertaler.
Computertomographische Untersuchungen
Alle Skelettteile des namengebenden Neandertalers von 1856 und die Neufunde der Grabungen 1997 und 2000 sind im Rahmen des Forschungsprojektes durch Christoph Zollikofer, Marcia Ponce de León (Universität Zürich) und Thorsten Buzug (RheinAhrCampus Remagen) mit modernsten Computertomographen untersucht worden.
Computertomograph mit der Kalotte des Neandertalers von 1856
Zielsetzungen sind die Diagnose von Krankheiten, Verletzungen und Mangelerscheinungen, die ihre Spuren im Knochenmaterial hinterlassen haben, weiterhin das Erstellen eines dreidimensionalen Datensatzes. Hierdurch lassen sich am Computerbildschirm in „virtueller Schwerelosigkeit" Knochenfragmente beliebig arrangieren, verbinden und ergänzen. Diese Methode wurde unter anderem eingesetzt zur
Rekonstruktion des Gesichtes des namengebenden Neandertalers
Das Schädeldach von 1856 ist durch die Züricher Kollegen auf dem Computerbildschirm durch Funde aus den neuen Grabungen, so das linke Jochbein, ein Fragment der Schädelbasis und ein Stück der rechten Schädelseite ergänzt worden. In einem weiteren Schritt werden diese Knochen durch Spiegelung auch auf der jeweils gegenüberliegenden Schädelseite abgebildet. Hinzu kommt ein ebenfalls neuentdecktes Kinnfragment.
Schädelrekonstruktion (Stereolithographie) des Neandertalers
Der Vergleich des so entstandenen, unvollständigen virtuellen Schädels mit anderen Neandertalern ergab eine hohe Übereinstimmung mit dem französischen Fund La Ferrassie 1, so dass man eine Ergänzung der noch immer fehlenden Teile aus dem Datenbestand dieses Neandertalers vornahm. In einem weiteren Schritt sind die Daten dieses Misch-Schädels durch die Arbeitsgruppe von Hermann Seitz, Stiftung caesar, Bonn, in eine „Stereolithographie" umgewandelt worden. Bei diesem Verfahren härtet ein Laserstrahl in flüssigem Kunststoff auf der Basis der Computerdaten exakt ein dreidimensionales Abbild des virtuellen Schädels, eine sogenannte Stereolithographie, aus.
Rekonstruktion des Gesichts des Neandertalers. Atelier Manufaktur, München
Abschließend erfolgte auf diesem Schädel eine wissenschaftlich fundierte Rekonstruktion des Gesichtes durch Brigitte Frank und Katharina Pade vom Münchener Atelier Manufaktur.
Die Arbeiten zur Gesichtsrekonstruktion erfolgten in Zusammenarbeit mit dem ZDF im Rahmen einer großen TV-Dokumentation des Forschungsprojektes.
Die Gene des Neandertalers
1996 gelangen in Kooperation mit Svante Pääbo und Matthias Krings (damals Universität München) an einer Knochenprobe des namengebenden Neandertalers von 1856 die ersten genetischen Untersuchungen an einem Neandertaler. Dabei konzentrierten sich die Genetiker aus Gründen der Durchführbarkeit nicht auf die DNA des Zellkernes, sondern auf die in höherer Kopienzahl pro Zelle vorhandene DNA aus den Mitochondrien, den „Kraftwerken" der Zelle. Es zeigte sich, dass der Jubilar in den untersuchten Sequenzabschnitten deutliche Unterschiede zum heutigen Menschen aufweist. 1999 vermochten weitere Untersuchungen an einem anderen Sequenzabschnitt aus der selben Probe das erste Ergebnis zu bestätigen. Bis auf den heutigen Tag sind 12 weitere europäische Neandertaler, darunter das erst 1997 entdeckten zweiten Individuum aus dem Neandertal, analysiert worden; alle Daten bestätigten das 1997 erarbeitete Bild. Ein wesentlicher genetischer Beitrag der Neandertaler zum Genom des heutigen Menschen gilt daher als unwahrscheinlich. Man nimmt heute an, dass Neandertaler und anatomisch moderne Menschen sich als getrennte Linien aus späten Formen des Homo erectus / Homo heidelbergensis entwickelten. Während die Entstehung des anatomisch modernen Menschen sich in Afrika vollzog, sind die Neandertaler die einzige jemals in Europa entstandene Menschenform.
Durch die enormen Fortschritte in der Gentechnologie in den vergangenen Jahren ist es nun möglich geworden, auch die DNA des Zellkernes an Knochenresten von Neandertalern zu untersuchen. In einer Kooperation mit dem Team von Svante Pääbo (Max Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig) wird nun das Forschungsprojekt Neandertal am Knochenmaterial des Neandertalers von 1856 und den Neufunden von 1997 / 2000 in eine neue Dimension der Neandertaler-Forschung vorstoßen.
Beispielsweise wird es sich durch eine genetische Untersuchung eindeutig klären lassen, ob es sich bei dem 1997 entdeckten, nur in Bruchstücken vorliegenden zweiten Neandertaler tatsächlich um eine Frau handelt.
Neueste Forschungsergebnisse in 2010 (PDF-Datei 385 KB)
Atome werden gezählt
Große physikalische Apparaturen (Teilchenbeschleuniger – Massenspektrometer) gestatten es heute, die Mengenanteile von Elementen in einem Material sehr genau zu bestimmen. Hierdurch ist es möglich, Radiokarbonmessungen anhand sehr kleiner Proben mit hoher Präzision durchzuführen. Für den Neandertaler von 1856 und das neu entdeckte zweite Individuum aus dem Neandertal ergaben Messungen durch Georges Bonani, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, ein Alter von etwa 42 000 Jahren.
Mit der selben Technologie lassen sich die Anteile von Stickstoff- und Kohlenstoffisotopen in den Knochen eines fossilen Menschen, z. B. eines Neandertalers, bestimmen. Der Vergleich mit Werten in den Knochen von pflanzen- und fleischfressenden Tieren erlaubt Aussagen zum ehemaligen Ernährungsschwerpunkt der untersuchten Menschen. Die Analysen an Neandertalern aus Belgien, Frankreich und Kroatien ergaben, dass diese Menschen sich überwiegend von Fleisch ernährt hatten. Auch am Neandertaler von 1856 und dem zweiten Individuum aus dem Neandertal werden aktuell durch Michael Richards, Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, Leipzig, derartige Analysen durchgeführt.